Das fehlende Stück Kühlung

Die Region Jigawa liegt im Norden Nigerias, grenzt an die Republik Niger und liegt in der Sahel-Zone. Das ländliche Gebiet ist geprägt von Armut sowie dem Mangel an Elektrizität, Arbeitsplätzen, Bildungsmöglichkeiten und einem vernünftigen Transportsystem. 90% der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Das größte Potential der ländlichen Gegend: Gemüse kann nicht nur in der Regenzeit angepflanzt und geerntet werden. Bewässert wird während der Trockenzeit via Bäche und Staubecken von Flüssen, die durch die Gegend in Richtung Tschad-See fließen.

Der größte Markt in der Stadt Kano ist fast 100 km entfernt. Und hier fingen die Probleme an: Tomaten, Spinat und Auberginen konnten in der 40 Grad-Hitze nicht frischgehalten werden. Und da es keine Elektrizität gibt, existieren auch keine Kühlschränke. Die Töchter der Bauern mussten die Waare direkt nach der Ernte so schnell wie möglich auf den Markt bringen und verkaufen. Ein Teil davon wurde so viel zu billig verkauft. Ein anderer Teil war sehr schnell verdorben und somit unbrauchbar. Dennoch wurde oftmals sogar die verdorbene Ernte konsumiert. Die Hitze und die mangelnde Infrastrukur ließen es unmöglich erscheinen, die Ernte länger zu konservieren, über längere Strecken zu transportieren und zu adäquaten Preisen zu verkaufen.

Dann kam der Tag, als Lehrer Mohammed Bah Abba einen Geistesblitz hatte. Seine Idee wies der Töpferei, dem traditionellen Handwerk seiner Großmutter, eine neue Richtung und sollte nicht nur den Menschen in Jigawa weiterhelfen: Er erfand den “Topf-im-Topf –Kühlschrank”, einem eleganten Kühlungssystem auf der Grundlage der Verdunstungskühlung.

Ein kleines getöpfertes Gefäß wird dafür in ein größeres selbiges Gefäß platziert. Der Raum zwischen den beiden Gefäßen wird mit feuchtem Sand befüllt. In das kleine Gefäß kommen nun Früchte, Gemüse oder Getränke, also alles was konserviert werden soll. Ein kaltes Tuch bedeckt das neue Kühlkonstrukt. Während das Wasser aus dem Sand durch die Oberfläche des äußeren Gefäßes verdunstet, transportiert es die Hitze mit und hält diese so fern vom inneren Kern des Kühlsystems. Durch diese Methode können Auberginen 27 statt drei Tage sowie Tomaten und Paprikas bis zu drei Wochen frisch gehalten werden. Afrikanischer Spinat, der normalerweise innerhalb eines Tages schlecht wurde, kann so für bis zu 12 Tage konserviert werden.

Eine einzige Idee schaffte es so die komplette landwirtschaftliche Wertschöpfungskette in der Sahel-Zone zu revolutionieren und die Lebensqualität der Bewohner zu steigern. Das fehlende Stück für den nachhaltigen Verkaufserfolg der Ernte war Bah Abbas innovatives Kühlhaltungssystem. Seine Erfindung wurde vom Time-Magazin als einer der besten Innovationen des Jahres 2001 tituliert und mit dem Rolex Award ausgezeichnet.

In einem Zeitalter, in dem Digital dabei ist, das neue Betriebssystem der Menschheit zu werden, sollten Marken und Unternehmen darüber nachdenken, welche fehlenden Stücke sie durch digitale Maßnahmen in ihre Wertschöpfungsketten integrieren können und dadurch Mehrwerte für ihre Geschäftsmodelle schaffen können.

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