Was Marken von Hans Sarpei lernen können

“Mein Name ist Hans Sarpei – Das L steht für Gefahr.” Der 35-Jährige Hans Sarpei hat sportlich wohl seine größten Erfolge hinter sich, versprüht aber aktuell auf Facebook und Twitter “Gefahr”, Spielfreude und Passgenauigkeit (mit den Fans) wie kein zweiter Profifußballer in Deutschland.

Sarpei, der seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsen ist, ist durch das Social Web zum Kultkicker geworden. Der in die Jahre gekommene Rechtsaußen mit Profi-Stationen bei Fortuna Köln, MSV Duisburg, VfL Wolsburg, Bayer 04 Leverkusen und mittlerweile FC Schalke 04 beackert heute erfolgreicher digitale Kanäle als die Seitenlinien der Bundesliga-Stadien. Seine Facebook Fanpage  zählt über 90.000 Fans, wovon fast 1/3 in der aktuellen Woche mit der Seite aktiv interagiert haben (fast 27.000 “sprechen darüber”). Ein Weltklasse-Wert. Auf Twitter folgen dem ghanaischen Nationalspieler @HansSarpei immerhin über 5.000 Personen. Weit über 700 Facebook Fanpage und Gruppen sind dem “Phänomen Sarpei” gewidmet. Über 11.000 Fans machen sich beispielsweise dafür stark, dass Hans Sarpei auf das Cover des Videospiels FIFA 13 kommt. Blogpost mit Titeln wie Put your Hans up in the Air und Der wilde Hans feiern die Nummer 2 der Knappen.

Doch wie ist es dazu gekommen? Alles began mit einem Scherz am 4. Juni 2011, als sein Mitspieler Alexander Baumjohann aus der Sommerpause auf Twitter zwitscherte ”Guten Morgen…gibt es was Neues auf Schalke?” und Sarpei darauf antwortete: ”Ja, du sollst nach Wolfsburg”. Diese Konversation fand im Kontext des Wechseltheaters von Felix Magath, der auf Schalke als Trainer und Manager entlassen wurde, und noch am gleichen Tag beim VfL Wolfsburg einen neuen Vertrag unterschrieben hatte, statt. Magath hatte während seines Regimes in Gelsenkirchen in 21 Monaten über 30 neue Spieler verpflichtet, unter anderem Sarpei und Baumjohann, die trotzdem zu Reservisten und zeitweise sogar zum Schalker Amateurteam verbannt wurden. Dementsprechend wenig witzig fand Baumjohann den Tweet von Sarpei: “Damit macht man keinen Spaß. Das ist nicht lustig.”

Unter der Regie des neuen Trainers Ralf Rangnick schaffte es der lustige Sarpei zurück in die Startelf und spielte unter anderem beim 5-2-Sieg der Knappen bei Inter Mailand im Viertelfinale der Champions League. Nach dem Spiel scherzte der wilde Hans über Baumjohanns Schulter in die TV-Kamera: “Nicht schlecht für Amateure”.

In der Fangemeinde der Schalke-Fans mutierte der gebürtige Kölner immer mehr zum Kult. Vor allem Facebook verbreitete die kreativen Auswüchse der Fans dabei rasant. Auf der Grundlage der Chuck Norris Facts entstanden digitale Huldigungen, lancierte Gerüchte und Facebook Fanpages wie z.B. Hans Sarpei darf “Tillman’s Toasty” als Schnitzel bezeichnenSido fragte einmal: “Wer ist Hans Sarpei?” Seitdem trägt er eine MaskeDie Party ist vorbei, wenn Hans Sarpei seine Hose wieder gefunden hat, Beziehungsstatus: Hans Sarpei, Hans Sarpei findet, du bist voll der Baumjohann oder Hi, mein Name ist Hans Sarpei und Windows 7 war meine Idee.

Sarpei selbst, der anfangs vom digitalen Hype um seine Person nichts wußte, sagt in einem taz-Interview dazu: “Ich habe schon immer gerne Späße gemacht. Jetzt bei Facebook kriegt das bloß direkt die halbe Welt mit.”

Und das zeigt Wirkung. Nicht nur Sportler sondern auch Vereine und Marken sollten sich anschauen, wie Hans Sarpei das Momentum im Social Web für sich nutzt und von ihm lernen. Im folgenden habe ich mal acht entsprechende Handlungsprämissen für Marken zusammengestellt, die Hans Sarpei hoffentlich gefallen:

 

1. Interagieren

“Man muss erst verstehen und lernen, mit einer Fanseite umzugehen. Man muss aktiv sein und sich ernsthaft mit den Leuten beschäftigen. Sonst läuft es nicht.”

Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Sarpei interessiert sich für seine Fans und interagiert mit ihnen. Wer im Social Web mitschwimmen möchte, muss auch bereit sein nass zu werden und sich mit Wasser beschäftigen. Märkte sind Gespräche, sagt schon das Cluetrain Manifest. Nutzer erwarten auf Facebook, Twitter & Co  Interaktion von Marken.

 

2. Echt und authentisch sein

Nutzer erwarten auf Facebook echte, menschliche Kommunikation. Keine gestelzten Pressetexte gespickt mit offiziellen Klauseln aus der Rechtsabteilung. Kommunikation auf Augenhöhe ist die oberste Devise. Dies ist eines der Erfolgsgeheimnisse von Sarpei. Er verstellt sich nicht, sondern schreibt seine Meinung authentisch und persönlich, egal ob er Christian Wullfs Rücktritt fordert oder einen kleinen Spaß über Tim Wiese macht. Er hat keine Angst, er selbst zu sein. Dadurch bekommt er “Profil” und Glaubwürdigkeit.

 

3. Humor haben

Nicht nur der Gag mit Baumjohann zeigt den Spaßvogel Hans Sarpei. Die Kommunikation auf Facebook und Twitter macht ihm sichtlich Spaß. Sein Humor und Charme sind meistens im Spiel. So fragt, er Sat1 wer oder was die Wanderhure ist, wünscht seinem Kollegen Benedikt Höwedes alles Gute zum 6. Geburtstag (Höwedes hat am 29.02. Geburtstag) und schenkt ihm ein “Hans Sarpei ist dein Vater-Lätzchen”. Das steckt an und macht Spaß. Leute und Marken, die sich nicht zu ernst nehmen, hört man gerne zu. Humor ist ein wunderbares und erfolgreiches Stilmittel der Kommunikation. Verbissen diskutierende, rechthaberische und sehr trocken kommunizierende Marken werden als langweilig und veraltet empfunden. Sein Schräger Humor ist sein Markenzeichen und hat mit Sicherheit stark zum “Internet-Phänomen Sarpei” beigetragen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. Exklusive Inhalte und Informationen bieten

Fans wollen Insights, Behind the Scenes-Informationen und Mehrwerte. Sarpei findet es nicht schlimm, dass Tymoschtschuk ein Foto aus der Kabine des FC Bayern München gepostet hat. Genau das wollen Fans sehen: Mehrwerte und Exklusivität, persönliche Ansichten, die sie woanders nicht bekommen. Über digitale Kanäle können Fans noch stärker an ihre Spieler und ihren Lieblingsverein rücken, mehr von ihnen erfahren und mit diesen interagieren. Das Netz kennt keine Sende- oder Veröffentlichungszeiten wie bei der Sportschau oder der SportBILD. Marken sollten sich auf diese neuen Erwartungshaltungen der Nutzer einstellen.

 

5. Kontext beachten und nutzen

Inhalte sind sehr wichtig. Jede Marke sollte eine Content Strategy für ihre Touchpoints im Social Web besitzen. Aber auch der Kontext, in dem die Inhalte gespielt werden, ist stark von von Bedeutung. Der FC Bayern München hat dies kürzlich schmerzhaft auf Facebook zu spüren bekommen. Sarpei beschäftigt sich mit dem Tagesgeschehen, äußert seine Meinung dazu und nutzt die aktuellen Geschehnisse der Bundesliga für seine Kommunikation und Späße. Egal ob er einen angeblichen Anruf von Hertha-Manager Michael Preetz bekommt, sich fragt, ob Otto Rehhagel jetzt wieder den Libero einführt oder die Wanderhure gerade Sat1 unsicher macht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6. Konsequenzen vorausdenken

Manche unbedachte Äußerung kann ja wie ein Bumerang zurückkommen.

Der Tweet-Button ist schnell gedrückt. Ein Facebook Update ohne Weiteres abgesetzt. Die Konsequenzen können jedoch enorm sein. Das Internet vergisst nicht. Sarpei weiß, dass er die Auswirkungen seiner Kommunikation immer antizipieren muss. Welche Auswirkungen hat das, was ich schreibe, auf andere? Hier sollten sich Marken nicht von Angst leiten lassen, bei Unklarheit über die Konsequenzen bestimmter Aussagen oder Aktionen jedoch lieber vorsichtiger agieren.

 

7. Lernen

Genau wie Hans Sarpei erst lernen musste wie eine Facebook Fanpage funktioniert, müssen dies Marken mit der Kommunikation im Social Web. Dies ist ein dauerhafter Lernprozess. Wichtig: Fans und Kunden zuhören und von ihnen lernen. Digitale Technologien und die Möglichkeiten des Social Webs verändern Verhaltensweisen und Kundenerwartungen. Dies ist ein dauerhafter Lernprozess, dem am besten mit Offenheit und Forschergeist zu begegnen ist. Gerade im Social Web haben viele Unternehmen Fehler gemacht, aber zum Glück daraus gelernt und mittlerweile das Boot in die andere Richtung gelenkt. Selbstreflektion und Fehler zu machen kann enorm wichtig sein, so lange daraus gelernt wird.

 

8. Neues Probieren

Der führe Hans Sarpei fängt den Wurm. Der technologische Fortschritt erhöht immer weiter die Schlagzahl. Die Innovations-Welt dreht sich gefühlt immer schneller. Marken sollten Neues probieren, sich mit neuen Technologien und relevanten Plattformen auseinander setzen. Nicht warten, bis die Konkurrenz sich den “First Mover”-Award abgeholt hat, sondern selbst aktiv neue Wege gehen, experimentieren und die “Customer Experience” auf ein neues Level heben.

6 comments to Was Marken von Hans Sarpei lernen können

  • Ich kann dem nur beipflichten, denn verfolge Hans Sarpeis Geschichte in den sozialen Netzwerken auch und finde es bemerkenswert wie viel der Kerl richtig macht. In Amerika haben es viele schon lange erkannt, wie das Web 2.0 richtig eingesetzt werden kann.

    Zum Beispiel ist Wrestling in den USA zwar noch immer eine große Sache, aber stand vor einigen Jahren vor einem Image-Problem. Nun erstrahlt die WWE im neuen Glanz, hat das Web 2.0 perfekt genutzt und macht es allen vor, wie es richtig geht. Ähnliche Ansätze gab es bisher in Deutschland nur selten. The Voice of Germany hat es ein wenig mit ihrem Einsatz von Twitter vorgemacht.

    Auf unserem Blog gibt es unter Technik einen Artikel über das Zusammenspiel der WWE mit dem Web 2.0 .

    • benjaminstoll

      Hallo Wortmagier,

      Ja, stimmt: die WWE und auch die UFC sind tolle Beispiele, wie “Sportarten” mit dem Social Web erfolgreich umgehen können.

      In Deutschland haben die meisten Marken oftmals zu viel Angst vor den Risiken und trauen sich zu wenig. Die Amerikaner und Briten sind hier viel probierfreudiger. Teilweise fehlt es in Dt. auch an der entsprechenden Kompetenz und dem nötigen Wissen. Auf Voice of Germany und Gottschalk live steht zwar groß “Social Media” auf der Verpackung, trotzdem werden die Promotion Guidelines auf Facebook munter missachtet… Aber wenigstens wagen diese Formate den Schritt.

      Belá Rethy meinte gestern im Rahmen der TV-Übertragung des DFB-Spiels: “Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum neuen grünen Trikot der Nationalmannschaft auf twitter.com/zdfsport”… Leider könnte ich mich auf das Profil von @zdfsport nicht einloggen ;-)

  • sinsol

    Toller Artikel,
    Allein: “Put your Hans up in the Air” ist weitaus älter als der von dir beschrieben “Anfang”, also dem Twitterspruch, und somit wohl der eigentliche…

  • [...] Blogger Benjamin Stoll hat in einem interessanten und unterhaltsamen Beitrag geschrieben, was Unternehmen vom Fußballprofi Hans Sarpei lernen können. Der Deutsch-Ghanaer hat [...]

  • Jan

    Erst ist er seit seinem 3. Lebensjahr in Deutschland und im 5. Absatz dann “gebürtiger Kölner” — was’n jetzt?

  • [...] erwähne ich an dieser Stelle, dass auch Brinkert den Blogbeitrag „Was Marken von Hans Sarpei lernen können“ dem Fachpublikum vorstellte und auch nochmals die Relevanz der Blogosphäre deutlich [...]

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